Wer auf einem Flachdach oder einem Haus mit Ost-West-First darüber nachdenkt, ein Balkonkraftwerk zu installieren, steht vor der Frage: Richte ich alles nach Süden aus — oder nutze ich beide Dachhälften und akzeptiere dafür einen geringeren Jahresertrag? Die Antwort hängt weniger von technischen Fakten als von deinem Nutzungsprofil ab. Dieser Ratgeber erklärt, wann Ost-West die bessere Wahl ist.
Die physikalische Grundlage: Wie die Sonne wandert
Sonnenverlauf über den Tag
Die Sonne geht im Osten auf, erreicht mittags ihren Höchststand im Süden und geht abends im Westen unter. Dieser scheinbare Verlauf ist durch die Erdrotation bedingt und für jeden Standort auf der Nordhalbkugel gleich — lediglich die genaue Position am Himmel variiert mit der Jahreszeit.
Ein nach Süden ausgerichtetes Solarmodul produziert demnach:
- Morgens (06:00–10:00): Wenig (schräger Einstrahlwinkel)
- Mittags (10:00–14:00): Viel (senkrechte bis nahezu senkrechte Einstrahlung)
- Nachmittags (14:00–18:00): Abnehmend
Das Produktionsprofil einer Süd-Anlage ist glockenförmig und auf die Mittagszeit zentriert.
Was Ost-West anders macht
Ein nach Osten ausgerichtetes Modul produziert morgens mehr als ein Süd-Modul, mittags deutlich weniger, und nachmittags/abends kaum noch. Ein nach Westen ausgerichtetes Modul verhält sich spiegelbildlich: wenig am Morgen, maximum am Nachmittag.
Kombiniert man beide, entsteht ein breites, eher flaches Produktionsprofil — mehr Strom über mehr Stunden, aber weniger Peak in der Mitte. Das ist für viele Haushalte besser geeignet als der spitze Mittagspeak einer Süd-Anlage.
Ertragsvergleich: Simulation-Daten im Überblick
Die folgende Tabelle zeigt realistische Ertragserwartungen für verschiedene Ausrichtungen bei gleicher Nennleistung (800 Wp) am Standort München (48°N, 960 kWh/kWp/a Jahreseinstrahlung). Grundlage: PVGIS-Simulationsdaten, Neigungswinkel wie angegeben.
| Konfiguration | Ausrichtung | Neigung | Jahresertrag (800 Wp) | Vs. Optimal |
|---|---|---|---|---|
| Optimal Süd | Süd (180°) | 30° | ~950 kWh | 100 % |
| Gut Süd | Süd (180°) | 20° | ~915 kWh | 96 % |
| Gut Süd flach | Süd (180°) | 10° | ~875 kWh | 92 % |
| Südost | Südost (135°) | 30° | ~880 kWh | 93 % |
| Ost + West | Ost + West | 30° | ~790 kWh | 83 % |
| Ost + West | Ost + West | 20° | ~820 kWh | 86 % |
| Ost + West | Ost + West | 15° | ~840 kWh | 88 % |
| Ost | Ost (90°) | 30° | ~650 kWh | 68 % |
| West | West (270°) | 30° | ~640 kWh | 67 % |
Simulation: PVGIS 5.2, ERA5-Wetterdaten, Standort München, Systemwirkungsgrad 86 %, kein Speicher.
Interpretation
- Ost-West bei 30° verliert ca. 17 % gegenüber optimal Süd
- Ost-West bei 15° verliert nur noch ca. 12 % — flachere Neigung ist günstiger für Ost-West
- Ein einzelnes Ost- oder West-Modul verliert ca. 32 % — deshalb immer beide Seiten kombinieren
- Südost ist ein guter Kompromiss, wenn keine echte Ost-West-Konfiguration möglich ist
Eigenverbrauchsprofil: Das entscheidende Argument
Warum Jahresertrag nicht alles ist
Der Jahresertrag sagt nur aus, wie viel Strom produziert wird — nicht, wie viel davon direkt verbraucht werden kann. Entscheidend ist die Eigenverbrauchsquote: Der Anteil des produzierten Stroms, der im Haushalt direkt genutzt wird, bevor er ins Netz fließt.
Ohne Speicher kann ein Haushalt nur dann Solarstrom nutzen, wenn er gerade produziert wird und gleichzeitig Verbraucher laufen. Stromverbrauch, der zu einem Zeitpunkt stattfindet, in dem das Modul nichts produziert, muss vom Netz gedeckt werden.
Verbrauchsprofile und passende Ausrichtung
Berufstätiger Haushalt (09:00–17:00 Uhr abwesend):
- Verbrauchsspitzen: morgens 06:00–09:00 (Kaffeemaschine, Toaster, Dusche), abends 17:00–21:00 (Kochen, TV, Laden)
- Mit Süd-Anlage: Eigenverbrauchsquote ca. 20–30 % (Mittagspeak trifft auf leeren Haushalt)
- Mit Ost-West-Anlage: Eigenverbrauchsquote ca. 35–45 % (morgens Ost-Modul, abends West-Modul)
Homeoffice-Haushalt oder Rentner:
- Gleichmäßiger Verbrauch den ganzen Tag
- Mit Süd-Anlage: Eigenverbrauchsquote ca. 40–55 % (Mittagsstrom wird direkt genutzt)
- Mit Ost-West-Anlage: Ähnlich, vielleicht leicht besser durch breiteres Zeitfenster
Fazit: Ost-West bringt den größten Vorteil genau dann, wenn Süd am schlechtesten passt — beim berufstätigen Haushalt ohne Speicher.
Rechenbeispiel: Berufstätiger Haushalt, kein Speicher
| Parameter | Süd-30° | Ost-West-15° |
|---|---|---|
| Jahresproduktion | 950 kWh | 840 kWh |
| Eigenverbrauchsquote | 25 % | 42 % |
| Eigenverbrauch | 238 kWh | 353 kWh |
| Ersparnis (0,37 €/kWh) | 88 € | 131 € |
| Mehr kWh ins Netz (unvergütet) | 712 kWh | 487 kWh |
Obwohl die Ost-West-Anlage 110 kWh weniger produziert, spart sie 43 € mehr — weil der Strom dann produziert wird, wenn er auch wirklich gebraucht wird.
Wann ist Ost-West sinnvoll?
Ideale Bedingungen für Ost-West
-
Flachdach mit freier Ausrichtung: Du kannst ein Modul nach Osten und eines nach Westen ausrichten, idealerweise mit je 15°–25° Neigung.
-
Haus mit Ost-West-Firstrichtung: Das Haus hat ein Satteldach, das zu einer Seite Ost und zur anderen West zeigt. Beide Dachflächen können genutzt werden.
-
Berufstätiger Haushalt ohne Speicher: Verbrauchsschwerpunkte morgens und abends. Süd würde in der Mittagspause viel ins Netz einspeisen, Ost-West trifft die Verbrauchszeiten besser.
-
Doppelte Modulfläche möglich: Auf einem größeren Flachdach kann man statt 2 Modulen in Süd 4 Module in Ost-West aufstellen. Mit Hoymiles HMS-1600 oder zwei HMS-800 ergibt das deutlich mehr Jahresproduktion.
Weniger sinnvoll wenn...
- Du ausschließlich eine Südfassade oder Süd-Balkon hast
- Du tagsüber regelmäßig zuhause bist (Homeoffice, Rente)
- Du bereits einen Speicher hast (der puffert den Mittagspeak der Süd-Anlage)
- Dein Dach nur eine nutzbare Seite hat
Der richtige Wechselrichter: Dual-MPPT ist Pflicht
Warum normale Wechselrichter nicht optimal sind
Ein Wechselrichter mit nur einem MPPT-Kanal würde beide Module (Ost und West) in Reihe oder parallel schalten. Das Problem: Das Ost-Modul produziert morgens deutlich mehr als das West-Modul, am Nachmittag ist es umgekehrt. Ein einziger MPPT-Punkt kann nur einen Kompromiss finden — der schwächere Strang zieht den stärkeren herunter.
Dual-MPPT: Jedes Modul wird unabhängig optimiert
Mit Dual-MPPT hat jeder MPPT-Eingang seinen eigenen Regelkreis: Das Ost-Modul wird morgens von Kanal 1 optimal betrieben, das West-Modul abends von Kanal 2. Die beiden Kanäle beeinflussen sich nicht gegenseitig.
Geeignete Wechselrichter mit echtem Dual-MPPT:
| Wechselrichter | Dual-MPPT | Preis | Ost-West-Eignung |
|---|---|---|---|
| APsystems EZ1-M | Vollständig unabhängig | ~139 € | ★★★★★ |
| Hoymiles HMS-800-2T | Unabhängig | ~119 € | ★★★★★ |
| Deye SUN-M80G3 | Unabhängig | ~89 € | ★★★★☆ |
| TSUN TSOL-MS800 | Unabhängig | ~99 € | ★★★☆☆ |
Alle vier Modelle haben separate MPPT-Kanäle, sind also für Ost-West geeignet. Der APsystems EZ1-M gilt als besonders gut für Ost-West, da seine MPPT-Kanäle vollständig unabhängig arbeiten und eine breitere Spannungstoleranz bieten.
Praktische Installationshinweise
Ausrichtung präzise planen
Bei Ost-West ist Präzision bei der Ausrichtung wichtiger als bei Süd: Schon 30° Abweichung von der exakten Ost- oder Westrichtung reduziert den Vorteil deutlich. Eine Kompass-App auf dem Smartphone reicht für die Ausrichtung aus.
Gleiches Modul auf beiden Seiten
Verwende identische Module auf Ost- und Westseite. Unterschiedliche Modultypen (verschiedene Leistungsklassen, Hersteller) könnten zu asymmetrischen MPPT-Verhältnissen führen. Wenn möglich: Gleiche Charge vom selben Hersteller.
Kabellängen berücksichtigen
Bei einer Ost-West-Konfiguration auf dem Flachdach befinden sich beide Module oft weiter auseinander als bei einer Süd-Konfiguration. Stelle sicher, dass die MC4-Leitungen lang genug sind, um die Module mit dem zentral platzierten Wechselrichter zu verbinden. Typische Kabellänge im Lieferumfang: 2 × 4 m — das kann bei größerem Modulabstand zu knapp sein.
Verschattungscheck morgens und abends
Prüfe vor der Installation, ob Bäume, Schornsteine oder andere Gebäude das Ost-Modul morgens oder das West-Modul abends verschatten. Verschattung trifft bei Ost-West genau die produktivsten Zeiten des jeweiligen Moduls und sollte vermieden werden.
Kombination mit Speicher bei Ost-West
Wer sowohl Ost-West als auch einen Speicher hat, erzielt das beste aller Welten:
- Ost-Modul deckt den Morgenstrom
- Speicher puffert den mittäglichen Ertrag (wenn beide Module schwächer sind)
- West-Modul deckt den Abendstrom
- Speicher gibt restlichen Strom abends ab
Allerdings ist ein Speicher bei Ost-West tendenziell weniger nötig als bei Süd, weil die breitere Ertragsverteilung bereits einen höheren natürlichen Eigenverbrauch ergibt.
Fazit: Ost-West ist eine unterschätzte Strategie
Ost-West produziert weniger Jahresstrom als Süd — das ist eine Tatsache. Aber wer berufstätig ist und tagsüber wenig Strom verbraucht, spart mit Ost-West oft mehr Geld als mit einer größeren Süd-Anlage. Die breitere Ertragsverteilung trifft das reale Verbrauchsprofil vieler Haushalte besser.
Für Flachdach-Installationen kommt noch ein praktischer Vorteil hinzu: Bei 15° Neigung können Module auf engem Raum ohne gegenseitige Verschattung aufgestellt werden, was auf begrenzter Fläche eine größere Modulzahl ermöglicht.
Wenn du ein Flachdach mit freier Ausrichtung hast und berufstätig bist — probiere Ost-West. Mit einem Dual-MPPT-Wechselrichter wie dem APsystems EZ1-M oder Hoymiles HMS-800 holst du das Maximum aus dieser Konfiguration heraus.